Radiogottesdienst aus der Mennonitengemeinde

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Am 22. April 2018 war der NDR zum wiederholten Mal zu Gast bei einem unserer Gottesdienste. Dieser wurde live übertragen - und lässt sich, für alle die es verpasst haben, immer noch anhören. Auch die Predigt von Pastor Markus Hentschel ist dabei natürlich enthalten. Wer das geschriebene Wort dem gesprochenen vorzieht, findet hier auch den Text der Predigt online.

 

Radiogottesdienst zum Nachhören: https://www.ndr.de/info/Evangelischer-Gottesdienst-aus-der-Mennonitenkirche-in-Hamburg,audio400226.html

 

Die Predigt von Markus Hentschel zum Nachlesen:

 

Liebe Gemeinde,

Der Apostel Paulus nimmt den Mund voll, als er jubelt:

„Wenn einer in Christus ist, dann ist da neue Schöpfung.

Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
Und er bekräftigt den Jubel noch. Er schreibt ja an die Gemeinde in Korinth. Und dort gibt es Mitglieder, die wissen wollen, wie das neue Leben sichtbar werden soll.

Paulus sagt also: „Schaut auf das Angesicht Jesu Christi. Auf ihm seht ihr, wie Gottes Liebe leuchtet. Und ihr werdet in seine Liebe verwandelt werden, wenn ihr Jesu Angesicht anseht.“

Das Alte ist vergangen, Neues ist entstanden. Das muss man sehen können. So sind die Erwartungen der Christinnen und Christen in Korinth.

Das Alte ist vergangen. Neues ist entstanden. Das muss man sehen können. Das wird auch von den vielen Schönheitszeitschriften gefordert. So meint auch die Erstausgabe des Better-Aging Magazins, des Magazins für besseres Altern, von Gala beautify. Ich zitiere:

„Frauen-Power ist in den Führungsetagen angekommen. Mit Kompetenz, Know-How – und dynamischer Ausstrahlung. Aber was ist, wenn Überstunden, Schlafmangel und die Doppelbelastung durch Familie und Karriere ihren Tribut fordern? Um ehrlich erarbeitete Falten aus dem Gesicht zu radieren und damit das Selbstbewußtsein zusätzlich zu erhöhen, wird immer öfter in die minimal invasive Trickkiste gegriffen. Vor allem Botox-Spritzen übernehmen das Glätten eventueller Anzeichen von Erschöpfung.“ (Gala beautify, 1/2018, S. 51) Zitat Ende.

Am Gesicht lassen sich die Spuren des Lebens ablesen. Vor allem die Spuren des Alterns. Es zeigt, dass wir schwächer werden – weniger vital.

Aber es geht in der innovativen Arbeitswelt darum, Stärke zu zeigen, dynamisch auszusehen.

Die Zeichen des Alters, der Mühe, die das Leben macht, sollen ausradiert werden. Als lästig gelten vor allem die Zeichen negativer Erfahrungen und Gefühle – wenn man zornig war oder wütend. Auch die Spuren von Erschöpfung sollen „gelöscht“ werden.

Immer wieder muss dem gängigen Schönheitsideal zufolge am Sichtbaren, am Körper, vor allem am Gesicht gearbeitet werden, damit der Erfolg ausstrahlt und die Ausstrahlung weitere Erfolge sichert.

Das, was vergeht, nämlich die Frische und Lebenskraft der Jugend, soll verewigt werden.

Paulus hat sich in seiner Beziehung zur korinthischen Gemeinde damit auseinandergesetzt: wie wird das, wovon er gesprochen hatte, sichtbar? Der Sieg der Auferstehung, der erfolgreiche Kampf gegen den Tod. Paulus hatte davon gesprochen, dass auf dem Angesicht Jesu Gottes Liebe leuchtet und die Glaubenden genauso leuchten werden vor Liebe.

Und nun wird Paulus von Einigen in der Gemeinde gefragt: „Und bei dir? Wo sieht man denn bei dir, dass du strahlst, dass du eine neue Schöpfung bist, dass die Kraft der Auferstehung in dir wirkt?“ „Bei uns“ – so sagen diese Korinther – „sind Prediger, bei denen sieht man das. Von denen weiß man das. Sie haben Referenzen von anderen Gemeinden, wie toll sie sind. Sie reden begeisternd, man hört ihnen gerne zu.

Sie haben Visionen von Gott. Sie sind vom Geist erfüllt und stolz darauf. Sie sind innovativ – und du?“

Die Anfragen aus der Gemeinde in Korinth sind berechtigt. Denn es stimmt: Paulus ist kein guter Rhetoriker. Außerdem sieht man Paulus die Spuren des Lebens nur zu deutlich an. Mehrfach war er im Gefängnis. Seine Mission hatte für Unruhen gesorgt. Im Gefängnis ist er ausgepeitscht worden. Die Schläge haben Narben hinterlassen. Oft konnte er auf seinen Reisen kaum schlafen. Man sieht ihm die vielen durchwachten Nächte und die Sorgen um die Gemeinden an. Man sieht, wie er als Zeltmacher schuften muss, um sich zu finanzieren.

Was soll er sagen? „Ja, ich bin in Christus neu geschaffen. Ich lebe nicht mehr als Verfolger Jesu, sondern mit ihm. Und was sieht man? Mein Gesicht ist vom Einsatz für Jesus so gezeichnet wie mein ganzer Körper.“

Sieht man das Leuchten der Auferstehung, ihren Sieg über den Tod Paulus nicht an? Sieht man nur die Zeichen der Anstrengung und des Leidens an ihm?

Ende Teil 1

 

Lesung Predigttext 2 Kor 4, 16-18, (BgS, modifiziert)
„Wir verlieren nicht den Mut. Wenn auch unser äußerer Mensch verbraucht wird, so erneuert sich doch der innere Tag um Tag. Denn die leichte Last unserer gegenwärtigen Bedrängnis ruft für uns eine über alles Maß hinausgehende Fülle göttlichen Glanzes hervor, der Zeiten und Welten umfasst – für uns, die wir nicht das Sichtbare im Blick haben, sondern das Unsichtbare. Das Sichtbare gehört ja dem Augenblick, doch das Unsichtbare der Unvergänglichkeit.“

 

Paulus leugnet die Spuren seines gelebten Lebens nicht.

Er möchte sie nicht ausradieren, um strahlender auszusehen.

Er möchte sie nicht ausradieren, denn sie sind die Spuren seines neuen Lebens. Seines Lebens mit Jesus.

Paulus ist mit Jesus gealtert.

Er hat sich im Einsatz für ihn aufgerieben.

Paulus will das Äußere, seinen Körper, sein Gesicht nicht verewigen.

Er konserviert es nicht. Aber es ist ihm nicht egal. Er versteckt sein Gesicht nicht, im Gegenteil, er zeigt es – mit den Spuren, die das Leben mit Jesus auf ihm hinterlassen hat.

 

Denn in diesen Spuren zeigt sich etwas, was leicht übersehen wird, fast unsichtbar und was auch diejenigen nicht wahrnehmen, die fordern: ‚Lass den Sieg der Auferstehung sehen!‘

Diese Spuren zeugen zugleich vom Trost, den Paulus immer wieder erfahren hat; sie zeugen davon, wie er unterstützt wurde durch die Gemeinden. Sie zeugen auch von seiner Leidenschaft für die Menschen in den Gemeinden. Diese Spuren und Furchen erzählen von der Freude daran, dass Menschen sich versöhnen ließen. Und sie zeugen vom Dank der Menschen für Paulus‘ Arbeit, von den vielen, vielen Begegnungen und Beziehungen, die Paulus in seinem Leben mit Jesus erfahren hat.

 

Die Gefahren, denen er sich ausgesetzt, die Schläge, die er erduldet hat, die Bedrängnis, sie sind nicht sein Lebensinhalt.

Sein Lebensinhalt – das was ihn glücklich macht und stolz, sein Ruhm, sein Glanz, das, was die Bedrängnis schon jetzt weit überwiegt, ist: Im Dienst für Jesus Gemeinschaft unter Menschen zu stiften, das weiterzugeben, was Gott begonnen hat: dass aus Feindschaft Versöhnung wird.

Paulus geht es nicht darum zu glänzen, um immer mehr Anhänger zu gewinnen.

Das ist vergänglich und isoliert, weil es einen von anderen Menschen trennt, statt mit ihnen innerlich zu verbinden.

Das Leben von Paulus ist ein Leben in Beziehungen.

Er hat Menschen miteinander bekannt gemacht, die zuvor nie was miteinander zu tun haben wollten; die sich nie zuvor an einen Tisch gesetzt hätten. Menschen aus der Unterschicht und der Oberschicht; Juden und Nicht-Juden; Männer und Frauen; Außenseiter und Erfolgreiche. Das ist es, was zählt.

Und diese Beziehungen zwischen Menschen, die einander fremd waren, das bleibt. Es bleibt, daran teilzuhaben, was Gott wichtig ist: an der Versöhnung.

 

Was wir in unseren Gemeinden tun, wenn wir einander im Geist der Versöhnung begegnen, ist zumeist unscheinbar, ohne äußeren Glanz. Es sind alltägliche Dinge: miteinander sprechen, miteinander nachdenken, miteinander essen, miteinander arbeiten. Und manchmal glänzt es schon, wenn wir miteinander feiern.

Die Tätigkeiten im Geist der Versöhnung sind manchmal wie unsichtbar: kleine Gesten, ein Anblick, wenige Worte, ein Lächeln.

Aber was in diesen Augenblicken, Gesten und Worten geschieht, nämlich respektvoll miteinander zu sein, sich einander zuzuwenden und zu helfen – auch, dass man aufeinander angewiesen ist; das ist unvergänglich, würdevoll, herrlich.

Im unscheinbar Alltäglichen ereignen sich die himmlischen Momente von Achtung, Mitleid, Trost und Stärkung.

 

In einer aktuellen Ausgabe des Hamburger Straßenmagazins Hinz&Kunzt wird von ehemaligen Bandenmitgliedern aus Los Angeles berichtet.

Ihre kriminelle Vergangenheit ist ihnen auf Körper und Gesicht tätowiert. Sie sehen böse und gefährlich aus.
In den Gesichtern sind Schriftzüge und Embleme von Gewalt eingraviert. Sie zeigen, zu welcher Gang sie gehören.

Diese Menschen werden, auch wenn sie neu anfangen wollen, ihre Vergangenheit nicht los, weil man sie ihnen immer ansieht.

Der Fotograf Steven Burton hat Fotos dieser Ex-Gangmitglieder bearbeitet und virtuell die Tattoos entfernt.

Liebe Gemeinde,

können diese Menschen nur dann wieder als Menschen wahrgenommen und akzeptiert werden, wenn die Spuren ihrer Vergangenheit getilgt sind? Was wäre, wenn jetzt einer dieser bedrohlich, wie Gangster aussehenden Menschen zu uns käme? Wollten wir dann ebenfalls, dass sie sich einer Schönheitsbehandlung unterziehen? Oder könnten wir ihnen auch mit ihren Tattoos zurufen: „Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden?“

Amen

Wir singen das Lied „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“

 

 

Foto: https://flic.kr/p/i5htSC von Nurla Deroeck - Bestimmte Rechte vorbehalten CC by 2.0

Gelesen 956 mal Letzte Änderung am Dienstag, 24 April 2018 10:13

Monatslosung

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Offenbarung 21, 2

Tucholsky Quartier

Unsere Kirche liegt am Rande des Quartiers, dessen Neuplanung angedacht ist. Informationen dazu finden Sie auf dem Blog des Bezirksamtes Altona unter www.tucholsky-quartier.de. Auch wir beteiligen uns an dem - derzeit ruhenden - Entwicklunsgprozess.

 

Wir in Hamburg-Altona

Schon 1601 erlaubte Graf Ernst von Schauenburg den aus den Niederlanden geflohenen, in dem damals kleinen Ort Altona eine Gemeinde zu gründen und eine Kirche zu bauen. In der Blütezeit der Gemeinde im 17. und 18. Jahrhundert zählten viele Kaufleute, Reeder (Walfang), Unternehmer und Handwerker zu den Mennoniten. Unsere erste Kirche (Große Freiheit) brannte 1713 im Schwedenbrand nieder und wurde durch einen Neubau an gleicher Stelle ersetzt. 1915 wurde die neue Kirche der Mennonitengemeinde an der Mennonitenstraße in Altona-Nord eingeweiht, die uns seitdem als Versammlungsort dient.

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